Lautpoetische Gedichte / Onomatopoetic poems

Essay Zu meiner Lautpoesie
Versuch einer Theorie der Lautpoesie

Lautpoetisches Gedicht Nr. 1 / Onomatopoetic poem no. 1


gelsüraga

Geschrieben am 8. Februar 2005. /
Written at the 8th of february 2005.

In Musik gesetzt im gleichnamigen Stück für Sopran und Klavier vom Juni 2005. (Ergon 31, Nr. 1. UA: 18.9.2005, Musiksaal QuBa, Bachlettenstraße 12, Basel. Christine Simolka, Sopran, and René Wohlhauser, Klavier.) /
Put into music in the piece with the same name for soprano and piano in june 2005. (Ergon 31, no. 1. World première: 2005/9/18, Musiksaal QuBa, Bachlettenstraße 12, Basel. Christine Simolka, soprano, and René Wohlhauser, piano.)

Die Aussprache folgt der deutschen Aussprache. /
The pronunciation follows the german pronunciation.


gelsüraga promu kose
kuragara maru frabu

togeriso wira setu
lesamiro kuma fere

Lautpoetisches Gedicht Nr. 2 / Onomatopoetic poem no. 2


hang gomeka

Geschrieben am 8. Februar 2005. /
Written at the 8th of february 2005.

In Musik gesetzt im gleichnamigen Lied vom Juli 2005 (Ergon 31, Nr. 2). /
Put into music in the song of the same name in july 2005 (Ergon 31, no. 2).

Die Aussprache folgt der deutschen Aussprache. /
The pronunciation follows the german pronunciation.


hang gomeka nik mara
sik nurima sang hak

mek nikora sem kira
lem warina rek tak

Lautpoetisches Gedicht Nr. 3 / Onomatopoetic poem no. 3


suragimanä

Geschrieben am 8. Februar 2005. /
Written at the 8th of february 2005.

In Musik gesetzt im gleichnamigen Lied vom August 2005 (Ergon 31, Nr. 3). /
Put into music in the song of the same name in august 2005 (Ergon 31, no. 3).

Die Aussprache folgt der deutschen Aussprache. /
The pronunciation follows the german pronunciation.


suragimanä lamanirago
gimanäsura niragolama

näsuragima golamanira
ragimanäsu maniragola

Lautpoetisches Gedicht Nr. 4 / Onomatopoetic poem no. 4


Libera knasnab


Geschrieben am 23. April 2005. /
Written at the 23th of april 2005.

Die Aussprache folgt der deutschen Aussprache. /
The pronunciation follows the german pronunciation.


Libera knasnab rakzmi mekeretsch
Wraknitschna smiragno kramitsch
Chrinagloggs nakrikna mikhak
Chramnitscha geniß snakloo

Lautpoetisches Gedicht Nr. 5 / Onomatopoetic poem no. 5

mira schinak

Geschrieben am 14. / 17. Juli 2005. /
Written at the 14th / 17th of july 2005.

In Musik gesetzt im gleichnamigen Trio für Sopran, Flöte und Klavier aus dem Jahre 2006 (Ergon 33). /
Put into music in the trio for soprano, flute and piano of the same name in the year 2006 (Ergon 33).

Die Aussprache folgt der deutschen Aussprache. /
The pronunciation follows the german pronunciation.


sora kami
nika tora
goteri
mira siga
lakareme

mira schinak mischra ke
rakni sokne makra le

hura nikna sama tok
sina rokne schara gok

mo ro no go so

lakme tokme smakra ki
rakno sekne mikrö li

herö nokra simsa lock
schera gima schandra sock

la ma ra ma

Versuch einer Theorie der Lautpoesie / Thesen zur Lautpoesie


1) Lautpoetische Texte und politisches Engagement:

  • (1a) Lautpoesie ist für mich nicht bloß eine Spielerei, sondern hat durchaus auch eine politisch-soziale Dimension.
  • (1b) Die lautpoetischen Texte bedeuten für mich keinen Rückzug in die Innerlichkeit, sondern vielmehr ein metasprachliches Engagement, das viel radikaler ist, als die direkte Vertonung irgendwelcher politischer Pamphlete, die keine poetische Substanz und Tiefe beinhalten und damit keine nachhaltige Wirkung erzeugen. (Aphorismus Nr. 628 vom 27.11.2008.)

2) Lautpoesie und Sprachlosigkeit:

  • (2a) Lautpoesie ist (für mich) der Aufschrei der Sprachlosen. (Aph. Nr. 634 vom 16.5.09.)
  • (2b) Die Lautpoesie ist somit eine Metapher für die Sprachlosigkeit der Unterdrückten. Als Komponist fühle ich mich verpflichtet, nicht bloß einer l’art pour l’art-Ästhetik zu huldigen, sondern im Rahmen meiner Möglichkeiten die Stimme zu erheben gegen die Unterdrückung der Sprachlosen. Ich will ihnen eine Stimme geben. (Und ich erhoffe mir dabei die Unterstützung von Mitmenschen, die auch gegen Ungerechtigkeiten sind.) (Aph. Nr. 634 vom 16.5.09.) Siehe auch meinen engagierten Essay im Booklet des Grammont-CD-Porträts.

3) Lautpoesie und zeitgenössische Musik:

  • (3a) Der Konflikt zwischen nicht mehr intakter (tonaler) Tonsprache und noch intakter (semantischer) Wortsprache, die dann aber von den Komponisten in Phoneme zerlegt wird, weil sie spürten, daß die ungebrochene Sprachverwendung in dieser Musik nicht mehr stimmt, hat mich schon immer gestört. Mit der Lautpoesie bewegen sich beide Sprachen auf der gleichen Ebene des Erfindens. (Juni 2008.)
  • 3b) Die asemantische, aber assoziative Wortstruktur von artifiziell geschaffenen lautpoetischen Sprachen steht in viel direkterem Bezug zur Musikstruktur artifiziell geschaffener Kunstwerke, als irgendwie verfremdete konventionelle, sozusagen natürliche Wortstrukturen, die ihrerseits in direktem Bezug zu Naturgegebenheiten stehen.
  • 3c) Die Lautpoesie ist die Sprache der Neuen Musik. Sie ist eine dieser Musik kongruente Lyrik. (Basel, 30.11.2009.)

4) Lautpoesie als Sprache:

  • (4a) Keine unverbindliche Silbenansammlung, sondern eine verbindliche Sprachgrammatik, ein Sprachrhythmus und eine Sprachfärbung sollen zusammen mit einer je nach Gegebenheit strengen oder freien Textkonstruktion (z.B. Permutation) dafür sorgen, daß die Silben nicht unverbindlich wirken, sondern daß der Text auch eigenständig (losgelöst von der Musik) Bestand hat.
  • (4b) Bei der Lautpoesie geht es um das Erschaffen einer eigenen Welt, um das Erfinden der Sprachen und das Ausdrücken der Empfindungen dieser imaginären Welt.
  • (4c) Meine lautpoetischen Texte wollen nicht wie viele andere neodadaistische Texte forciert lustig sein, sondern sie sollen als ernsthaft in sich stimmige Kunstsprachkonstruktion in sich ruhen.
  • (4d) Lautpoesie spricht von den wesentlicheren Dingen, von denen die normale Sprache nicht zu reden vermag. (Basel, 12.11.2009.)
  • (4e) Lautpoesie ist so etwas wie eine absolute Sprache, die alle Grenzen der Verständigung semantisch festgelegter Sprachen durchbricht. (Basel, 13.11.2009.)
  • (4f) Auch in den lautpoetischen Sprachen gibt es verschiedene Textsorten: Gedichte, Fragmentarisierungen, Ineinanderschneiden von Texten, Überlagerungen verschiedener Sprachen.

5) Lautpoesie und musikalische Komposition:

  • (5a) Ich vertone nicht Texte, sondern ich erfinde Sprache zusammen mit der Musik, also eine Art Sprachmusik. Dadurch gelange ich zu einer größeren Einheit zwischen Sprache und Musik, als wenn die Worte von außen kämen. (23.10.09.)
  • (5b) Mir geht es nicht darum, die lautpoetischen Wort- oder Klangstrukturen mit einem (pseudo-wissenschaftlichen?) Verfahren wie Spektralanalyse und mittels eines willkürlich gewählten Rasters oder Umwandlungsverfahrens 1:1 in Musik zu übersetzen. Das ist mir einerseits zu wissenschaftsgläubig und andererseits zu wenig phantasievoll und kreativ. Für mich muß auch das Unerwartete, Überraschende, weiter Entfernte möglich sein, das eine erfrischendere und befreitere Sichtweise auf den Kontext ermöglicht, als dies mit einem streng angewandten Verfahren möglich ist, das nur sich selbst bespiegelt. (Basel, 5./6.1.2010.)
  • (5c) Es geht mir also darum, wechselseitig der Lautpoesie einen Klangraum oder eben auch der Klangpoesie einen Sprachraum zu schaffen, der nicht bloß systemorientiert abgeleitet ist, sondern der das Vorgefundene in musikalisch phantasievoller Weise kontrastiert. Denn die Wahrheit zeigt sich erst durch die Erfahrung des Gegenteils. Die weiteste Verbindung ist manchmal die nächste, weil sie das Essentielle offenbart, während die Systemimmanenz Gefahr läuft, systemblind zu sein. (Basel, 4./6.1.2010.)

6) Stärken und Schwächen der Lautpoesie:

  • (6a) Da der Lautpoesie die Semantik fehlt, muß sie dies durch größeren Lautreichtum wettmachen. Das ist gleichzeitig ihre Stärke gegenüber der semantischen Sprache: daß sie lautlich interessanter sein kann. Dies ist am systematischsten in der de la Rue-Transkription im 3. Teil des Sopran-Bariton-Duos "Blay" durchgeführt. Kein Konsonant wird wiederholt. (Vom Alphabet fehlen nur noch die Konsonanten C, F, H, N, P, S und V.)

7) Lautpoesie und Kommunikation:

  • (7a) Ich versuche mit asemantischen Texten verschiedene Kommunikationsformen und -möglichkeiten auszuloten. Wie weit vermag das zur Verfügung stehende Material zu tragen? Wie weit kann man ihm noch vertrauen?
  • (7b) Meine lautpoetischen Texte sind auch eine Metapher für die sprachliche Lautvielfalt, die uns im Alltag auf den Straßen begegnet. Wie oft hören wir nur uns unverständliche asemantische Laute, wenn jemand in einer uns fremden Sprache in sein Handy hineinredet? Wieviel verstehen wir noch von dem um uns herum Gesprochenen? Wieviel Unverständliches umgibt uns tagtäglich. Und doch erahnen wir am Ausdruck der Gestik die Bedeutung.
  • (7c) Daß Sprache auch funktioniert, wenn die festgelegten Grammatik- und Orthographieregeln nicht befolgt werden, beweisen im mündlichen Bereich die jungen Secondos (die zweite Generation der Einwanderer), die unsere Sprache in ganz eigenwilliger und origineller Weise abwandeln. Und im schriftlichen Bereich beweisen die Millionen von SMS in schweizerdeutscher Mundart, für die es keine verbindliche Orthographie gibt, daß auch schriftliche Kommunikation der freien Lautlichkeit folgen kann.

8) Ausblick:

  • Ich bin so voll von der Lautpoesie, so daß gar kein Platz mehr da ist für andere poetische Texte. Das Lautpoetische sprudelt nur so aus mir heraus. Dennoch kann ich mir als Weiterentwicklungsmöglichkeit vorstellen, semantische Texte durch lautpoetische Texte zu umspielen, zu erweitern, in ungewohnte Gebiete zu verlängern.

René Wohlhauser, 22. Januar 2010